Reisebericht

 



2011, 2014 Der Rhein


 

Hier ist eine Rheinbrücke, die nicht auf meiner Karte eingezeichnet ist? Ich stehe inmitten einer Großbaustelle bei Nimwegen schaue irritiert und versuche mich zu orientieren.

„Können wir helfen?“ höre ich hinter mir. Ich drehe mich erleichtert um und blicke in freundlich lächelnde Gesichter. Ria und Paul sind Niederländer und kommen aus Nimwegen. Sie sind auf dem Heimweg von einer Radtour und begleiten mich bis auf die andere Rheinseite und durch das Stadtgewirr. Ria und Paul möchten mich unbedingt zum  „Hollandsch – Duitsch Gemaal“ (Holländisch - Deutsches Pumpwerk) bringen, da ab hier der Weg in Richtung deutsche Grenze am Schönsten ist. Wir verabschieden uns und ich bin wieder alleine unterwegs. 

03_Kopie.jpg                 

Während ich durch wunderschöne und ruhige Auenlandschaften fahre, denke ich noch lange an diese nette Begegnung. Solche spontanen Kontakte habe ich auf meinen Reisen schon oft erlebt. Mit dem bepackten Reiserad fällt man sofort auf. Man ist mittendrin und nicht von seiner Umwelt durch Blech und Scheiben getrennt.

Ich fahre auf einem höher gelegenen Damm mit gutem Rundumblick. Links der Straße ist der Rhein, den die Niederländer „Waal“ nennen und rechts hinter dem schützenden Damm sind saftiggrüne Wiesen mit typischer Auenvegetation. Dazwischen stehen immer wieder reetgedeckte Gehöfte, deren Größe erahnen lassen, dass das Land hier fruchtbar und ertragreich ist.

05_Kopie.jpg 06_Kopie.jpg                                                                                                                                             Am längsten Fluss Deutschlands durchfahre ich stets neue interessante Orte: Es gibt beschaulichen Dörfer, die schon seit Ewigkeiten den Launen des Flusses trotzen. Die Hochwassermarken an den Hauswänden wirken wie Beweise für ihre Standhaftigkeit. Das Gegenteil hiervon sind triste, stark industrialisierte Städten, wie Duisburg, Leverkusen oder Wesseling, die vom Rhein aus betrachtet wie eine unüberschaubare Mischung aus Schornsteinen, Wohngebäuden und Produktionsstätten wirken.

08_Kopie.jpg

Von der Rheinmündung im niederländischen Städtchen Hoek van Holland bis hier ins Mittelrheintal bin ich bereits 600 Kilometer gefahren.

Hier im Mittelrheintal hat sich der Rhein über Jahrtausende tief in das Gestein gearbeitet. Der Mensch ist in dieser Region mit seinem Schaffensdrang begrenzt und muss sich dem Fluss anpassen. Jede freie Stelle wurde genutzt. Wehrhafte Burgen und schmuckvolle Schlösser baute man auf die schmalen Ebenen der höher gelegenen, älteren Flussterrassen. Diese architektonischen Meisterleistungen fügen sich harmonisch in die Fluss- und Tallandschaft ein. Die steil aufragenden Reihen der Weinreben, die ich immer wieder neben dem Radweg bestaune, sind nicht minder sehenswert.

 In den engen und hohen Tälern sind über die Jahrhunderte auch Mythen und Erzählungen entstanden. Früher waren die Dörfer abgelegen und oft nur über den Fluss zugänglich. Eine Bootsfahrt auf dem Fluss war meist mit Gefahren verbunden. Es gab wilde Strömungen, heftige Strudel und starke Untiefen.

02_Kopie.jpg                                                                                                                          Eine besonders berüchtigte Flussbiegung liegt am Loreleyfelsen. Dort sanken viele hölzerne Nachen. Die Überlebenden konnten sich an das gegenüberliegende flache Ufer retten. Nicht selten berichteten die Geretteten, dass sie eine singende Nixe hoch oben auf dem Felsen gesehen hätten.  

Vielleicht hat die blonde Schönheit heute Radreisende im Blick und möchte diese vom Weg abbringen? Ich beschleunige mein Tempo und konzentriere mich auf den Radweg. Irgendwann bin ich am Felsen vorbei und nehme erleichtert einen kräftigen Schluck aus der Trinkflasche.

Ab Basel rheinaufwärts fahren die Transportschiffe nicht mehr, weil der Fluss mehrmals gestaut wird. Das klare Wasser schimmert hier am Oberrhein, je nach Lichteinfall, grün bis türkisgrün. Die Flussbreite ist ungewohnt schmal. Die Uferlinien wechseln ständig zwischen Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz.

09_Kopie.jpg

Bis nach Konstanz, dem Ziel meiner Tour, werde ich insgesamt rund 1250 Kilometer gefahren sein. Den größten Teil hiervon bin ich auf dem internationalen Rheinradweg gerollt. Dieser Langstrecken-Weg hatte mindestens genauso viele Gesichter, wie der Fluss: Von hochmodern, wie in Holland, über rinnsalbreit, wie im Ruhrgebiet, bis zu endlos geradeaus verlaufenden Schotterwegen auf Hochwasserdämme. Durchweg war ein Fortkommen immer gut möglich und die Beschilderung nur selten schlecht oder nicht vorhanden.                                                                                                                                Durch die unterschiedliche Wegqualität beziehungsweise Wegführung und den unzähligen Erlebnissen am Wegesrand wird eine Reise am Rhein zum abwechslungsreichen Abenteuer. Für mich gab es viele Höhepunkte, die ich nicht miteinander vergleichen würde.

An meinem letzten Fahrtag rolle ich wieder durch solch einen Höhepunkt: Vor Stein am Rhein, mit seinen schmuckvollen Fassadengemälden im mittelalterlichen Stadtkern, beginnt die riesige Seenlandschaft des Unter- und Bodensees. Die Sonne scheint warm, viele Segelschiffe gleiten leicht und majestätisch durch das glasklare Wasser. Alles wirkt mediterran und verströmt Lebenslust. Ich fahre weiter auf der schweizer Seite des Sees. Auf schmalen Wirtschaftswegen fahre ich regelmäßig zwischen Obstkulturen hindurch, deren Äste sich von den vielen Äpfeln oder Birnen biegen. 

Als ich dann auf meinem letzten Campingplatz in Konstanz ankomme, erfahre ich, dass an diesem Wochenende das „Highlight“ des Jahres stattfindet: Ein großes Seefest mit finalem Feuerwerk. Der Zeltplatz ist demensprechend voll und die Stimmung prächtig. Während ich durch Konstanz gehe, steige ich auch auf den Kirchturm des Münsters hinauf. Von hier oben hat man einen sagenhaften Ausblick. Weit kann ich auf den Bodensee und die Alpen hinaus schauen. Die Stadt liegt wie im Modellbaustil vor mir.

01_Kopie.jpg

Während mir der warme Wind ins Gesicht weht, lasse ich nochmals die vielen schönen Tage am Rhein Revue passieren. Auf dieser Reise habe ich wieder viel davon erfahren, wie schön und abwechslungsreich das eigene Land und die angrenzenden Ländern sind.


Film-Trailer zur Reise


DVD Bestellung: "Der Rhein Von der Nordsee bis

zum Bodensee"